Carl Grossberg (1894-1940), dem wir die nächste große Ausstellung widmen, ist einer der bekanntesten Maler der Neuen Sachlichkeit, die nach dem Ersten Weltkrieg ein neues Bild der Wirklichkeit zeichnete. Grossbergs Bilder werden international gesammelt. Geboren aber wurde er im Wupper-Tal, genauer: in Elberfeld. Im Von der Heydt-Museums finden sich deshalb allein vier Gemälde, allesamt Hauptwerke.
Grossberg studierte zunächst Architektur. Nach dem Ersten Weltkrieg machte er einen Neuanfang und wurde 1919 bis 1921 am Weimarer Bauhaus ausgebildet, u.a. bei Lyonel Feininger. In seinem Frühwerk überwiegen Stadtbilder, gebaut aus klaren Formen und Farben. Auch Ansichten aus dem Wupper-Tal verewigte er, etwa die Brücke über die Schwarzbachstraße in Oberbarmen. Parallel zu diesen Stadtansichten entstanden Mitte der 1920er Jahre die vom Künstler als „Traumbilder“ bezeichneten fantastischen Werke, die sich einer logischen Interpretation entziehen.
Der technische Fortschritt ist ein typisches Thema in der Kunst der Neuen Sachlichkeit. Keiner jedoch widmete sich ihm mit solcher Intensität und künstlerischen Erfindungsgabe wie Carl Grossberg. Für ihn bestimmte die Technik „das Gesicht unserer Zeit“. Seine zumeist menschenleeren Bilder zeigen Maschinen, Fabrikationshallen und Industrieanlagen mit einer überwältigenden Fülle an präzise protokollierten Details. Sie wirken distanziert und doch ganz unmittelbar, geradezu physisch. Messuhren, Hähne und Ventile deuten, an, dass geballte Kraft durch Technik beherrschbar ist. Unverkennbar ist diese Malerei geprägt von einem fotografischen Blick, zugleich übertrifft sie, was die Fotografie vermag, auch und insbesondere dank der Delikatesse ihrer Farben.
Dabei sind Grossbergs Arbeiten keine naive Feier des industriellen Fortschritts. Seine Bilder sind vieldeutig lesbar, sie sind voller Geheimnisse, Brüche und Widersprüche. Kritikern hält er entgegen, „…dass es eine Menge Leute gibt, die ihre grundsätzliche Abneigung gegen jede Art Technik auch auf meine Malerei übertragen. Diese Leute wollten in früheren Jahrhunderten leben und lehnen das Thema Technik in der Kunst ab. Die wollten nicht wahrhaben, dass der ungeheure Reichtum an neuen Formen in der Welt der Technik ganz wesentlich auch die Themen der Kunst verändert hat. Sie sehen immer noch die grüne Wiese und die Kuh darauf als Ideal für alle Zeiten an“.
Seit dem Ende der 1920er Jahre erhielt Grossberg immer häufiger Aufträge von der Industrie, auch von Wuppertaler Fabrikanten. So malte er etwa die Anlagen der Elberfelder Weberei Pott & Hinrichs. Das schöne Gemälde „Der gelbe Kessel“ gehörte ursprünglich der Wuppertaler Lackfabrik Herberts, die es dem Museum 1991 schenkte. Gemalt allerdings wurde es für ein Hamburger Ölwerk. Und es zeigt einen der dortigen Räume mit ihren Tanks und Röhren mit einer Genauigkeit, die selbst den Firmenchef frappierte. Nun hängt es in der neuen Ausstellung, die morgen eröffnet und bis 30. August zu sehen ist. Auf der daneben hängenden Aquarellskizze sieht man, dass Grossberg das Motiv deutlich entschlackt hat: Er hat auf eine Reihe von Einzelheiten verzichtet, um den Kessel wie eine Skulptur in den Mittelpunkt zu setzen und ihm eine Aura zu verleihen, die ihn abhebt von jeglicher schnöden Funktion. Er wird zu einem Monument: strahlend und ein wenig unheimlich.