„Eulensicht“ von Azra Akšamija feierlich eingeweiht

Azra Akšamija, Eulensicht, 2025 © Künstlerin / im Hintergrund: Arno Breker, Pallas Athene, 1957 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Stefanie vom Stein, Stadt Wuppertal

Neue Kunst vor dem Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium

06. März 2026 |
Bettina Dunker – Kunst im öffentlichen Raum

Azra Akšamijas Skulptur „Eulensicht“ entstand im Rahmen des Wettbewerbs für eine künstlerische Kommentierung der „Pallas Athene“ von Arno Breker. Der Umgang mit der „Pallas Athene“, die 1957 vor dem Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium (WDG) aufgestellt wurde, war aufgrund von Brekers Rolle als einer der prominentesten und einflussreichsten Künstler im Nationalsozialismus viele Jahre umstritten. Breker ist in besonderer Weise mit dem nationalsozialistischen Regime verbunden. Als Staatsbildhauer und Lieblingsbildhauer Adolf Hitlers war er einer der wichtigsten Vertreter der nationalsozialistischen Ideologie und Kunstauffassung. So schuf er u.a. Monumentalskulpturen für Reichshauptstadt Berlin und das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg.

Seit die „Pallas Athene“ im Jahr 2003 vom Sockel gestoßen wurde, wurde über ihren Verbleib am Standort vor dem WDG immer wieder kritisch diskutiert. Am 20. März 2003 hatten Unbekannte wohl aus Protest gegen den Irak-Krieg die Skulptur umgestoßen und die Worte „Weg mit Brekers Kriegsgöttin“ auf den Sockel gesprüht. Nach einer Diskussion wurde die Skulptur mittels einer Spende restauriert und gemeinsam mit einer Tafel aufgestellt, in der sich die Schulgemeinschaft von Brekers Rolle im NS-Staat distanzierte.

2019 mündete die Kritik schließlich in einer öffentlichen Podiumsdiskussion über die Frage „Soll ein Breker vor einer Schule stehen?“. Da ein Abriss der Skulptur von der Mehrheit abgelehnt wurde und auch aus denkmalschutzrechtlicher Sicht nicht möglich war, schlug die damalige NRW-Kultusministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen die Kommentierung durch ein zeitgenössisches Kunstwerk vor. Den folgenden Wettbewerb konnte Azra Akšamija mit „Eulensicht“ für sich entscheiden. Seit Dezember 2025 stehen Brekers „Pallas Athene“ und Akšamijas „Eulensicht“ nun gemeinsam vor dem Wilhelm-Dörpfeld Gymnasium. Die feierliche Einweihung fand im Januar 2026 statt.

Eulensicht
Mit ihrem Werk „Eulensicht“ lädt die Künstlerin Azra Akšamija zur Auseinandersetzung mit der Geschichte der „Pallas Athene“ ein. Die interaktive Skulptur funktioniert ähnlich wie ein münzbetriebenes Fernrohr. Wer durch die Augen des stilisierten Eulenkopfs schaut, sieht Brekers Statue durch die Schablone eines Kopfes der Pallas Athene. Dieser Kopf der Pallas Athene mit Fackel, Reichsadler und Hakenkreuz war ein vielfach genutztes Motiv im Nationalsozialismus, etwa auf dem Umschlag des Katalogs zur „Großen Deutschen Kunstausstellung“ 1937.

Akšamija fügt Brekers Darstellung mit ihrer Eulen-Skulptur eine neue Bedeutungsebene hinzu, die sich auf die Funktion der Pallas Athene als Göttin der Weisheit beruft. Bei Nacht erschließt sich eine weitere Dimension der „Eulensicht“: Ein aus einem Auge der Eule projizierter Lichtstrahl beleuchtet die „Pallas Athene“ und wirft den Schatten der Figur an die Schulfassade. Durch die Beleuchtung wird das Zitat von George Santayana auch im Dunkeln sichtbar: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Die herausragende Nachtsicht der „Eule“ erkennt somit Gefahren, die der Mensch im Dunkeln nicht wahrnimmt.

Pallas Athene
Mit der „Pallas Athene“ gewann Breker 1954 den Wettbewerb für ein Kunstwerk vor dem Neubau des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums. Brekers Wahl einer Figur aus der griechischen Mythologie sollte die Schule als humanistisches, altsprachlich orientiertes Gymnasium kennzeichnen. Sie nimmt aber auch auf Wilhelm Dörpfeld, den Namensgeber der Schule, Bezug, der als Archäologe maßgeblich an den Ausgrabungen in Troja und auf der Akropolis in Athen beteiligt war.

Als Darstellung einer Figur aus der antiken Mythologie reiht sich die „Pallas Athene“ in eine 2.500 Jahre alte Tradition ein. Entscheidend für das Verständnis von Brekers Werk ist die Wertschätzung der Pallas Athene im „Dritten Reich“ als Kunst- und Kriegsgöttin zugleich. Sie fand in der nationalsozialistischen Bildsprache breite Verwendung und avancierte zum Logo einer „deutschen“ Kunst im Sinne der NS-Ideologie.

Warum die Entscheidung 1954 zugunsten von Breker fiel, lässt sich nicht mehr eindeutig rekonstruieren. Eventuell profitierte der in Wuppertal-Elberfeld geborene Breker davon, dass für Kunst im öffentlichen Raum Wuppertaler Künstler*innen bevorzugt wurden. Bekannt ist auch eine in die NS-Zeit reichende Verbindung zu Friedrich Hetzelt, der als Architekt für das NS-Regime tätig war und nun Mitglied der städtischen Kunstkommission war. Aus heutiger Perspektive verwundert, dass Brekers einflussreiche Position in der NS-Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kaum thematisiert wurde, so auch nicht in den Presseberichten zur Aufstellung der „Pallas Athene“.

Bild 1–3: Azra Akšamija, Eulensicht, 2025 © Künstlerin / im Hintergrund: Arno Breker, Pallas Athene, 1957 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Stefanie vom Stein, Stadt Wuppertal
Bild 4: Ausstellungskatalog 1937


Azra Ak
šamija
Die Künstlerin und Architekturhistorikerin Prof. Dr. Azra Akšamija wurde 1976 in Sarajevo in Bosnien und Herzegowina geboren. Heute lebt und arbeitet sie in Boston (USA) und Graz (Österreich).

Akšamija studierte Architektur an der Technischen Universität Graz und der Princeton University. 2011 promovierte sie zu Geschichte, Theorie und Kritik der Architektur am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Seit 2024 ist sie Professorin am Fachbereich Architektur des MIT, wo sie das Programm für Kunst, Kultur und Technologie sowie das Future Heritage Lab leitet. Ihre künstlerischen Projekte wurden in Ausstellungen weltweit gezeigt und sie erhielt Auszeichnungen wie 2013 den Aga Khan Preis für Architektur und 2018 den Kunstpreis der Stadt Graz.

Akšamija verbindet in ihrer künstlerische und wissenschaftliche Arbeit Kunst, Design und Denkmalpflege mit sozialen und kulturellen Fragestellungen. So untersucht sie, wie die Zerstörung kultureller Infrastrukturen im Rahmen von Konflikten das soziale Leben beeinflussen, aber auch welchen Beitrag Kunst und Architektur für eine Verständigung in Gemeinschaften leisten können.

Arno Breker
Der Bildhauer Arno Breker wurde 1900 in Wuppertal-Elberfeld geboren. Im Anschluss an sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf lebte Breker ab 1925 für mehrere Jahre in Paris und knüpfte viele Kontakte zur Pariser Kunstszene. 1934 kehrte er nach Deutschland zurück und stieg ab 1936 schnell zum prominentesten Bildhauer des NS-Regimes auf.

1937 trat Breker der NSDAP bei. Er erhielt zahlreiche Staatsaufträge für die Ausgestaltung der Reichshauptstadt Berlin, des Reichsparteitagsgeländes Nürnberg und anderer Großprojekte. Trotz seiner prominenten Stellung und seines Einsatzes für das NS-Regime wurde Breker im Entnazifizierungsverfahren 1948 lediglich als „Mitläufer“ eingestuft.

Nach 1945 erhielt Arno Breker nur noch vereinzelt öffentliche Aufträge, u.a. den für die „Pallas Athene“ in Wuppertal. 1950 ließ er sich in Düsseldorf nieder, wo er 1991 starb. Durch viele private Aufträge für Porträtbüsten von prominenten Personen aus Wirtschaft, Kultur und Politik war er bis an sein Lebensende weiterhin erfolgreich künstlerisch tätig.

Publikation
Zum Projekt erschien die Publikation „Eulensicht. Eine künstlerische Kommentierung zu Arno Brekers „Pallas Athene“ von Azra Akšamija, hrsg. von der Stadt Wuppertal, Bönen 2025.

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