In der eher introvertierten Welt der Malerei des belgischen Künstlers James Ensor (1860–1949) nahm die Gattung des Stilllebens von Beginn an einen besonderen Platz ein. Er verbrachte sein ganzes Leben in Ostende, abgesehen von einer kurzen Studienzeit in Brüssel. Sein Werk lässt sich nicht so einfach einordnen, denn er liebte das Experiment und versuchte sich in immer neuen Sujets.
Sein Frühwerk ist noch geprägt vom Impressionismus. Er malte zunächst Seestücke und Interieurs in dunklen Farben. Später wurden die Motive seiner Bilder immer verspielter und auch fantastischer, in den Farben heller und leichter. Der engen Atmosphäre seines Elternhauses und dem Unverständnis seiner Umgebung begegnete Ensor mit einer Bildwelt, die sich seltsam fremd anfühlt, manchmal ins Groteske hinüberspielt. Viele seiner Werke sind geimpft mit Ironie und Satire und einem unverwechselbaren, teils morbiden Humor.
Ensors Mutter betrieb in Ostende einen Andenkenladen, wo es neben Spielwaren und Porzellanfiguren auch unterschiedliche Muscheln zu kaufen gab. Diese verwendete er gerne in seinen Stillleben, genau wie Masken, was ihm den Spitznamen „Maler der Masken“ einbrachte. Ein satirischer Zug durchzieht Ensors gesamtes Werk. So dient etwa die Verzerrung menschlicher Gesichtszüge zu Masken dazu, Begierden, Lüsternheit, Scheinheiligkeit und Neid zu entlarven.
Unter den zahlreichen Stillleben gehören unsere Wuppertaler „Muscheln und Schalentiere“ von 1889 zu den späteren Werken, bei denen Ensor den Bildträger mit einer weißen Farbschicht überzog und anschließend mit stark verdünnten, transparenten Pastellfarben arbeitete. Die auf einem türkisfarbenen Tisch ausgebreiteten Muschel- und Schalentiere sind von schillerndem Licht umhüllt, die Konturen vibrieren und scheinen ein geheimnisvolles Eigenleben zu entwickeln. Die Komposition hat einerseits etwas Spielerisches im Umgang mit dekorativen Momenten. Andererseits ruft sie die Vanitas-Thematik der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts auf und zeigt zugleich mit der Kostbarkeit der Dinge ihre Vergänglichkeit. Es herrscht eine Stimmung angespannter Ruhe, die sich nicht zuletzt in den kurzen, vibrierenden Pinselstrichen niederschlägt, die die Leinwand wie ein Gewebe überziehen.