Wenn man Domenico Quaglios Gemälde vom Dom zu Wetzlar betrachtet, fühlt man sich unweigerlich in eine andere Zeit versetzt. Das Bild zeigt nicht nur ein Bauwerk – es ist ein Blick in eine romantische Vorstellung von Geschichte, Schönheit und Verfall. Quaglio (1787-1837), einer der bedeutendsten deutschen Architekturmaler der Romantik, hat hier mehr festgehalten als nur Architektur: Er porträtiert ein Sinnbild unvollendeter Ambitionen.
Der Dom zu Wetzlar ist ein Kuriosum unter den gotischen Kirchen Deutschlands. Begonnen im 13. Jahrhundert, wurde sein Umbau nie abgeschlossen. Das Westportal blieb unvollständig, der Nordwestturm wurde nie fertiggestellt – ein Monument gotischer Baukunst, das sich gerade dadurch von anderen Kathedralen abhebt, dass es unvollendet geblieben ist. Dieses Fragmentarische war es wohl, was Quaglio so faszinierte.
In seinem Gemälde zeigt er den Dom aus südlicher Perspektive – bei leicht bewölktem Himmel, in einem weichen Licht, das die Konturen betont, ohne zu dramatisieren. Der mächtige Südwestturm dominiert das Bild, flankiert vom unvollendeten Nordwestturm, aus dessen Fundament der romanische Vorgängerturm als stummer Zeuge einer vergangenen Epoche herausragt. An einigen Stellen sprießen Pflanzen im offenen Gemäuer. Auf dem Domplatz gruppieren sich einige Figuren – eher Staffage als Hauptmotiv –, während am rechten Bildrand die Michaelskapelle das Ensemble abrundet.
Der Unterschied der verwendeten Sandsteine – roter für den Südwestturm, heller für Langhaus und Querschiff – ist in Quaglios Werk nur angedeutet. In der Realität tritt dieser Kontrast am Bauwerk viel stärker hervor, was dem Gebäude seine heute so charakteristische Wirkung verleiht.
Geboren 1787 in München, entstammte Domenico Quaglio einer italienisch-deutschen Künstlerdynastie. An der Münchner Akademie zum Kupferstecher ausgebildet, bereiste er unter anderem Deutschland und Italien und widmete sich dabei vor allem gotischen Bauwerken. Kathedralen wie Köln, Straßburg, Ulm – Quaglio hielt sie alle fest. Doch auch Burgen und Ruinen zogen ihn in ihren Bann.
1832 erhielt Quaglio vom bayerischen Kronprinzen Maximilian den Auftrag, das Schloss Hohenschwangau wiederaufzubauen. Ein prestigeträchtiges Projekt – und eine Überforderung. Der Architekturtheoretiker und Maler war den praktischen Anforderungen eines solchen Baus nicht gewachsen. 1837 erlitt er auf der Baustelle einen Zusammenbruch und starb kurz darauf.
Sein Bild vom Wetzlarer Dom, entstanden 1820/22, bleibt: als romantische Hommage an ein Bauwerk, das in seiner Unvollkommenheit vollkommene Geschichten erzählt. Das Gemälde ist Teil unserer Sammlungspräsentation „Zeiten und Räume“, in der – von Ruisdael bis Giacometti – viele der Meisterwerke zu sehen sind, die das Von der Heydt-Museum berühmt gemacht haben.