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Ute Klophaus und Joseph Beuys

Dr. Antje Birthälmer

Ein Interview mit Dr. Birthälmer

19. September 2021 |
Marion Meyer

Den Künstler Joseph Beuys (1921-1986) und die Fotografin Ute Klophaus (1940-2010) verband eine lange intensive Arbeitsbeziehung. Sie fotografierte seine Aktionen über zwei Jahrzehnte und prägte so das Bild des Künstlers mit. Im Interview erläutert Antje Birthälmer, stellvertretenden Direktorin des Von der Heydt-Museums, wie sie die Ausstellung kuratiert hat und was das Besondere an den Schwarz-Weiß-Fotos der gebürtigen Wuppertalerin ist.

Wie kam die Idee zu der Ausstellung?

Mit der Ausstellung trägt das Von der Heydt-Museum zum Programm des Jubiläumsjahrs „beuys 2021“ bei, das das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, initiiert und gefördert hat. Unsere Ausstellung zu Ute Klophaus nimmt dabei spezifisch Bezug auf Wuppertal, seine Bedeutung für Beuys und die Happening- und Fluxus-Bewegung der Zeit, aber rückt auch eine große Künstlerin ins Blickfeld, die hiermit ebenfalls gewürdigt wird: Kein anderer Fotograf und keine andere Fotografin hat die Wahrnehmung von Joseph Beuys als Künstler und als Mensch derart geprägt wie Ute Klophaus.

Welchen Bezug hatte Beuys zum Von der Heydt-Museum?

Beuys hatte hier als junger Künstler im Jahr 1953 – seinerzeit hieß das Museum noch Städtisches Museum Wuppertal – seine erste museale Ausstellung jemals: plastische Werke, Zeichnungen und Holzschnitte aus der Sammlung van der Grinten in Kranenburg wurden gezeigt. Der damalige Museumsdirektor Harald Seiler hatte sich dazu vorab eigens das Einverständnis von Beuys‘ wichtigstem Lehrer an der Düsseldorfer Akademie, Ewald Mataré, geholt. 18 Jahre später, 1971, war Joseph Beuys, inzwischen selbst Professor an der Düsseldorfer Kunsthochschule, abermals zu Gast im Von der Heydt-Museum: Zu sehen waren 80 Zeichnungen, zahlreiche Objekte sowie einige frühe Arbeiten.

Worauf liegt der Fokus in dieser erneuten Ausstellung zu Beuys?

Unsere Ausstellung stellt ihn als Aktionskünstler vor und präsentiert damit eine Seite seines Schaffens, die direkt und unmittelbar seinen „erweiterten Kunstbegriff“ repräsentiert. Zugleich würdigt sie die aus Wuppertal stammende Fotografin Ute Klophaus, die Beuys und seine Kunst in den Fokus ihrer Arbeit stellte.

Wie ist Beuys‘ „erweiterter Kunstbegriff“ genau zu verstehen?

Man kennt ja den berühmten Satz: „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Mit seinem „erweiterten Kunstbegriff“, der jedem Menschen Schöpferkraft zusprach, suchte Beuys einen grundlegenden Wandel der menschlichen Haltung herbeizuführen. Die ganzheitlichen, universalen Zusammenhänge sollten bewusst gemacht werden.

Welche Rolle spielten hierbei seine Aktionen?

Joseph Beuys hat mit seinen Aktionen die Welt der Kunst und unser Denken verändert. Sie, die Aktionen, fordern immer noch heraus und wirken stark nach. In ihnen zeigt sich besonders eindringlich, wie tiefgreifend Beuys unser Verständnis und unseren Begriff von Kunst verändert und wie radikal er ihn erweitert hat. In den Aktionen stellte er durch das Agieren mit verschiedenen Materialien und Gegenständen neue Sinnzusammenhänge her. Er dehnte sein „Aktionswerk“ über die bildhaft-künstlerisch gestalteten Aufführungen hinaus auch auf Aktionen mit demonstrativem Charakter aus; seine Aktivitäten erweiterte er außerdem um Lesungen, Diskussionen, Aktionen mit Schülern etc.

Welche Rolle übernimmt bei diesen Aktionen die Fotografie von Ute Klophaus?

Die Fotografie wird zum visuellen Gedächtnis und trägt zur „Bewahrung“ der Aktionskunst bei. Sie sind das, was von den Aktionen auch in Zukunft bleiben wird. Man muss bedenken, dass das Fotografieren von Aktionskunst in den 60er Jahren so war, als betrete man „Neuland“. So sagte es Ute Klophaus einmal. Die neue Kunstform stellte dabei allerdings besondere Herausforderungen, wie etwa die Fähigkeit, spontan zu reagieren und bereit zu sein, sich auf das Zufällige, Offene und nicht Endgültige einzulassen. Zum Schlüsselerlebnis wurde für Ute Klophaus das „24-Stunden-Happening«, das im Juni 1965 in der Galerie Parnass in der Moltkestraße stattfand. Es gehört zu den wichtigsten Ereignissen der internationalen Fluxus-Bewegung der 1960er Jahre. Neben Joseph Beuys nahme auch Bazon Brock, Charlotte Moorman, Nam June Paik, Eckart Rahn, Tomas Schmit und Wolf Vostell teil. Für Klophaus, die alle an dem Happening beteiligten Künstler*innen fotografierte, wurde dieses Ereignis wegweisend für ihre weitere künstlerische Entwicklung. Schon damals fühlte sie sich durch die meditative Ausstrahlung von Beuys besonders angesprochen und regelrecht in seinen Bann gezogen. Entgegen ihrer ursprünglichen Absicht, alle Künstler des „24-Stunden-Happenings“ fotografisch weiter zu begleiten, konzentrierte sie sich immer stärker auf Beuys. Mehr als 20 Jahre lang, von 1965 bis 1986, stellte sie ihn und sein Werk in den Mittelpunkt ihrer fotografischen Tätigkeit.

Was ist das Besondere an den Fotos von Ute Klophaus?

Klophaus bietet eine sehr eigene Perspektive: extrem sensibel, manchmal geradezu seherisch – aber auch subjektiv. Es ist darüber viel diskutiert und gestritten worden, inwieweit Klophaus‘ Bilder tatsächlich Beuys‘ eigene Intentionen zur Geltung bringen oder ob sie sie nicht teils auch überlagern. Sie war sich auf jeden Fall bewusst, dass ihre Perspektive sich manchmal an der Grenze zur eigenen Interpretation bewegte, dies geschah jedoch unter dem Vorzeichen einer Suche nach Erkenntnis.

Was fasziniert heute den Betrachter an diesen Aufnahmen?

Es sind nicht primär die hinter den Aktionen stehenden theoretischen Konzepte von Beuys – es ist vor allem die durch seine Persönlichkeit und Handlung vermittelte Intensität des Ausdrucks, die uns Betrachtende der Nachwelt in den Sog der Bilder, der Fotografien von Ute Klophaus, zieht. Manchmal sind es nur durch ihre Blickführung hervorgehobene Details, die unsere Aufmerksamkeit fesseln. Ebenso gelingt es ihr, Perspektiven zu wählen, die Beuys so eingebunden in ein formales Gefüge darstellen, dass daraus regelrechte Bildkompositionen von hoher dynamischer Spannung entstehen. Indem die Fotografien von Ute Klophaus aus dem Fluss der Zeit gerissene Momente der performativen Kunst von Beuys zeigen, vermitteln sie zugleich die besondere Ausstrahlung, die spürbare Intensität und Energie des Akteurs der Handlung. Seine Aura ist genauso eingefangen wie seine Zeit und Raum durchdringende Kraft der Transformation.

Warum fotografierte Klophaus in Schwarz-Weiß?

Sie konzentrierte sich auf die Schwarz-Weiß-Fotografie, da der abstrahierende Effekt die Prägnanz ihrer Bilder steigerte. Außerdem bearbeitete sie das fotografische Material anschließend noch weiter. In der Art, wie sie Schäden auf dem Negativmaterial, Kratzer, Staub, Zufallsspuren, mit einbezog, mit grobem Korn, Auflösungen, Verdichtungen und Schlieren arbeitete, ging es ihr darum, ihren Fotos „Aktionscharakter“ zu verleihen. Dadurch kam ihre Ästhetik der Happening- und Fluxus-Bewegung entgegen. Auch die gerissenen Ränder, die zu einem Kennzeichen von Klophaus‘ Fotokunst wurden, verweisen darauf, dass das, was sie zeigen wollte, „ein herausgerissener Moment ist“, wie sie es nannte, – ein aus dem Fluss der Zeit, aus dem Geschehen herausgelöster Moment, ein visuelles Erlebnis, eine Momentaufnahme der sichtbaren Realität, unter deren Oberfläche aber auch etwas Verborgenes, Unsichtbares existiert.

Was ist in der Ausstellung zu sehen?

Die Ausstellung präsentiert rund 180 Fotos von Ute Klophaus, die Aktionen mit und von Joseph Beuys, wiedergeben. Dazu zählen neben seiner Aktion „und in uns … unter uns … landunter“ im Rahmen des „24-Stunden-Happenings« in Wuppertal auch „wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ und „Manresa“, beide in der Galerie Schmela in Düsseldorf; „Eurasienstab, 82 min fluxorum organum«, in Wien, „Titus/Iphigenie, J. Beuys/J. W. v. Goethe/C. Peymann/W. Shakespeare/W. Wiens“ in Frankfurt am Main, „Celtic (Kinloch Rannoch), Schottische Symphonie«, in Edinburgh, „Celtic+~~~“ in Basel; „Action the dead mouse/Isolation Unit“ (zusammen mit Terry Fox) im Keller der Kunstakademie Düsseldorf, und weitere Aktionen, zum Teil auch mit Schülern. Den Abschluss bilden die 1986 entstandenen Aufnahmen von Ute Klophaus von der Installation „Palazzo Regale“ (1985) in Neapel, in der Beuys Erinnerungsstücke aus seinem Leben und Werk zusammengestellt hatte.

Sie zeigen zahlreiche Fotos aus der Sammlung Lothar Schirmer. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Der Verleger, Beuys-Kenner und Klophaus-Freund Lothar Schirmer besitzt eine der größten Sammlungen an Fotografien von Ute Klophaus. Und wir sind sehr froh, dass wir nun zahlreiche Werke als Leihgabe in der Ausstellung zeigen können. Außerdem ist ein Katalog entstanden, der im Verlag Schirmer/Mosel erscheint. Es ist die erste Publikation, die einen umfassenden Überblick über die Aktionen von Joseph Beuys im fotografischen Lebenswerk von Ute Klophaus gibt.


19. September 2021 – 9. Januar 2022

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