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Figur!
im Skulpturenpark Waldfrieden

Tony Cragg und Roland Mönig in der Ausstellung “Figur!” im Skulpturenpark Waldfrieden. Foto: Günter Lintl

„Aus diesem Blickwinkel habe ich die Sammlung noch nie gesehen.“

6. APRIL 2023 | AKTUELLES
ROLAND MÖNIG – DIREKTOR

Der Skulpturenpark Waldfrieden zeigt in Kooperation mit dem Von der Heydt-Museum Meisterwerke der Skulptur aus der Museumssammlung. Vor Beginn der Ausstellung sprachen der Bildhauer und Gründer des Skulpturenparks, Tony Cragg, und der Direktor des Von der Heydt-Museums, Dr. Roland Mönig, über die von ihnen kuratierte Schau. Die folgende, gekürzte Fassung des Gesprächs beleuchtet die Hintergründe dieser besonderen Zusammenarbeit.

Figur!
Meisterwerke der Skulptur aus dem Von der Heydt-Museum Wuppertal
Noch bis Sonntag, 20. August 2023

Tony Cragg: Die Idee, eine Ausstellung mit den Skulpturen aus dem Von der Heydt-Museum zu machen, habe ich schon seit vielen Jahren. Ich kenne das Museum natürlich seit über vierzig Jahren, und ich kenne seine Stärken, die insbesondere in einer großartigen Sammlung zur Malerei liegen. Aber es verfügt eben auch über wunderbare Bestände zur Skulptur. Ich hoffe, dass wir die Qualität dieser Sammlung, die wirklich beachtlich ist in ihrer Breite, mit unserer Ausstellung sichtbar machen können.

Roland Mönig: Die Skulpturensammlung des Von der Heydt-Museums weist eindrucksvolle Beispiele dafür auf, wie man den Menschen, wie man die Figur sehen kann. Deshalb fand ich deine Idee, diese Ausstellung mit dem Fokus auf der Figur zu machen, sehr faszinierend. Davon abgesehen ist Waldfrieden ein Ort, an dem Skulptur über die Jahre einen besonderen Klang entfaltet und eine besondere Geltung bekommen hat. Ihr habt hier viel erreicht für die Rezeption von Skulptur insgesamt, habt ihr größere Sichtbarkeit gegeben und ihren besonderen Reiz herausgearbeitet. Beim Publikum trifft Skulptur ja normalerweise auf ein eher schwaches Echo.

T.C.: Ja, das ist tatsächlich so. Und das hat vielleicht auch seine Gründe: Skulpturen sind buchstäblich sperrig. Ich habe das nochmals selbst sehr deutlich erfahren, als ich 2016 meine große Retrospektive im Von der Heydt-Museum gemacht habe. Das ging nur mit kleinen Stücken und mit Arbeiten, die wir im Museum zusammensetzen konnten. Denn alles musste durch ein kleines Fenster ins Gebäude gebracht werden. Hier im Skulpturenpark können wir da andere Bedingungen bieten. Und deshalb hoffe und glaube ich, dass wir ein neues Licht auf Skulpturen werfen können – auch auf die Skulpturen aus der Sammlung des Von der Heydt-Museums. Wir haben sehr klare, funktionale Räume, in denen die reale Zeit mit den Veränderungen des Tageslichts sichtbar wird. Ich bin sehr gespannt, die sehr schönen Arbeiten aus dem Museum hier zu sehen.

R.M.: Das geht mir genauso. Ihr habt in Waldfrieden etwas gemacht, was gar nicht so einfach ist. Ihr habt ein Gefühl für die realen Qualitäten von Skulptur geschaffen: durch den Kontakt mit der Natur, durch den Kontakt mit dem Waldgrundstück, das von Wegen durchzogen ist. Und dann auch durch die Ausstellungsorte. Das gilt nicht nur für die im Freien aufgestellten Werke, sondern auch für die Ausstellungspavillons, die selbst schon eine skulpturale Qualität aufweisen. Sie sind sozusagen minimalistische Skulpturen, und sie haben sehr unterschiedliche Charaktere. Der untere der beiden Pavillons, die wir für unsere Ausstellung ausgesucht haben, hat einen rechteckigen, der obere einen ovalen Grundriss. Beide bieten die Möglichkeit, die Skulpturen in einem idealen Licht zu sehen, glaube ich.

T.C.: Bildhauer arbeiten, nach meiner Kenntnis jedenfalls, immer im Tageslicht. Im Abendlicht ist eine Skulptur etwas ganz anderes, das gilt auch für meine Arbeiten. Und Du sprichst über den physischen Rahmen der Ausstellung. Sehr wichtig ist natürlich auch, dass Menschen hereinkommen, dass nicht nur Skulpturen da sind, sondern auch Menschen, die den Ausstellungsraum füllen. Kunst braucht sowieso Betrachterinnen und Betrachter – aber diese sind auch physisch da, real im Raum. Und vor allem dann, wenn es um figurative Arbeiten geht, entsteht eine bestimmte Spannung. Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass die Menschen sich in den Skulpturen gespiegelt sehen. Aber auf jeden Fall gibt es ein Wiedererkennungsmoment in der Form. Und das ist schon sehr wichtig!

R.M.: Am Ende erblicken die Besucherinnen und Besucher in einer figürlichen Skulptur sich selbst. Und sie treffen auf einen Körper, zu dem sie sich in Relation setzen müssen.

T.C.: Genau, da man einen eigenen Körper hat. Und die interessantesten Dinge um uns herum sind meistens andere Menschen und andere Figuren. Es ist auf jeden Fall etwas, auf das wir sehr stark reagieren. Wenn wir uns gegenseitig anschauen, registrieren wir mit einer irrsinnigen Genauigkeit jede kleine Veränderung in der Mimik, jede Form und jede Änderung in der Form: Mund, Nase, Augen. Und diese Formänderungen beeinflussen und ändern sofort die Vorstellung von dem Menschen, der einem gegenübersitzt. Und das ist etwas, das in allen figurativen Arbeiten auf jeden Fall ein Faktor ist.

R.M.: Skulptur ist ja, bevor sie irgendetwas anderes ist, immer Material. Ein Ölgemälde ist, ehe es zum Beispiel eine Landschaft ist, immer Öl auf einem Bildträger. Auch eine Zeichnung oder eine Druckgrafik, ja selbst ein Foto – das wird oft unterschätzt – hat einen Körper. Aber diese körperliche und materielle Anmutung ist wahrscheinlich in der Skulptur am deutlichsten, weil man der Skulptur eben auch eins zu eins körperlich begegnen muss. Ein Bild – woraus immer es gemacht ist – hat immer nur eine Ansicht. Man kann es von der Seite anschauen oder von unten, dann erscheint die Darstellung verzerrt, aber man kommt dem Dargestellten nicht auf andere Weise näher. Eine Skulptur aber umkreist man, eine Skulptur erkundet man mit dem eigenen Körper – und das tut man mit Gewinn. Genau deshalb hat Bruce Nauman mal gesagt, Skulptur sei eigentlich immer schon Performance gewesen.

T.C.: Man kann das tatsächlich an den Werken sehen, beispielsweise an antiken Skulpturen: Das ist Theater. Ein stilles oder statisches Theater natürlich, eine Statue eben. Aber es ist etwas, das einen theatralischen Hintergrund hat.

R.M.: Aber zurück zu unserer Ausstellung und zu unserem Konzept: Aus den rund 500 Werken, die in der Sammlung des Von der Heydt-Museums zur Verfügung stünden, haben wir 45 ausgewählt. Und das Spektrum innerhalb dieser engen Auswahl ist enorm: Es gibt die aus unserer Sicht heute klassischen – wenn auch zu ihrer Zeit revolutionären – Positionen etwa eines Auguste Rodin. Dann gibt es die im Sinne der Kunstgeschichte klassizistischen Positionen des 19. Jahrhunderts, Christian Daniel Rauch beispielsweise. Andererseits zeigen wir Künstler, die den Körper nur noch als Abstraktion denken oder in Andeutung zeigen, etwa Hans Arp, Lynn Chadwick oder Kenneth Armitage. Bernhard Afingers Penelope, die über viele, viele Jahre mit melancholischem Blick den Eingangsbereich des Von der Heydt-Museums bewacht hat und jetzt erstmals das Haus verlässt, trifft in unserer Auswahl zum Beispiel auf Germaine Richiers Gottesanbeterin. Das sind zwei weibliche Figurationen, wie sie gegensätzlicher kaum sein könnten: Penelope, die immer Wartende, immer Geduldige in antikisierend-klassischer Form und die Menschen- und Männerfressende mit ihrem ausgezehrten Leib, mit ihrem auf Drähte reduzierten Körper. Da kann man wirklich viel lesen – was Körper, Gesten und Rollen betrifft.

T.C.: Ja. Für mich als Bildhauer liegt hier ein wichtiger Punkt. Du hast gerade den Begriff „klassisch“ verwendet, von klassischer Bildhauerei gesprochen. Und wenn man das hört, denkt man an die griechisch-römische Tradition, die schon ganz erstaunlich ist, weil diese Werke technisch einfach fantastisch ausgeführt worden sind. Und diese Genauigkeit der Darstellung und Herstellung wurde dann später aufgegriffen. Nehmen wir französische Bildhauerarbeiten des 18. und 19. Jahrhunderts, ausgeführt in perfektem Marmor: Sie sind technisch und handwerklich auf einem enorm hohen Niveau. Das Ziel ist Realismus, also die Darstellung oder „Repräsentation“ von Figur. Und mit diesem Ziel vor Augen wird man immer genauer, immer perfekter. Aber trotz der Bewunderung, die man der handwerklichen Leistung zollen muss, wirken diese Arbeiten emotionsarm. Das sieht man das ganze 19. Jahrhundert über, in dem so viel in der Malerei passierte und so wenig in der Bildhauerei – bis zur Jahrhundertwende. Dann kommen Kunstschaffende, die sich nicht mehr mit der genauen Wiedergabe einer Figur zufriedengeben und anfangen, über das Äußere des Menschen hinaus psychische Zustände darzustellen.
Das Von der Heydt-Museum und seine Sammlung entstehen genau in diesem Moment, als eigentlich weniges klassisch ist, als man sagt: Nein, Figur muss nicht exakt abgebildet werden. Das sieht man natürlich bei Rodin, aber auch bei Degas.

R.M.: Das finde ich eine spannende Lesart. Aus diesem Blickwinkel habe ich die Sammlung noch nie gesehen. Und dass du Degas nennst in diesem Zusammenhang, finde ich interessant. Das ist natürlich eine unglaubliche Figur, diese Tänzerin in Ruhestellung – einer Ruhestellung, die trotzdem etwas Angespanntes hat. In ihr steckt das ganze Kraft- und Energiepotenzial, das sich dann im Tanz entfaltet. Während du sprachst, musste ich an eine Arbeit von Christoph Voll denken, die wir für die Ausstellung ausgesucht haben. Entstanden ist sie in den Jahren 1925/26: ein unbekleideter Junge, physisch wie psychisch ausgezehrt. Im Grunde ist diese Skulptur das genaue Gegenteil zu der von Degas. Die Figur von Degas ist ganz klein, eine Maquette aus Bronze. Und dieser Junge von Christoph Voll ist ungefähr lebensgroß und ausgeführt in Holz, das mit seiner Wärme, mit seiner Leiblichkeit diese hagere Figur in besonderer Weise charakterisiert, auch menschlich auszeichnet.

T.C.: Dargestellt ist ein 12-Jähriger, schätze ich. Und das heißt, dass er als 5-Jähriger noch das Ende des Ersten Weltkrieges erlebt hat. Der Junge ist also aufgewachsen in der Konsequenz dieser Zeit, des Krieges. Also das Bild – das Bild ist wirklich sehr stark. Ein Zeitdokument.

R.M.: Genau wie eine Arbeit von Oskar Schlemmer übrigens, die wir ebenfalls zeigen: das Relief H von 1919. Die beiden Stücke liegen historisch nicht weit auseinander. Schlemmers Arbeit ist ein Relief aus Gips, ganz weiß, mit einer idealisierten Figur, die auf ein paar wesentliche geometrische Formen heruntergebrochen ist. Schlemmer will mit solchen Formulierungen im Grunde anknüpfen an die Vorstellung eines perfekten Körpers, wie es ihn in der Antike gab. Wenn man also sagen kann, dass Oskar Schlemmer mit diesem Relief 1919 ein Ideal zeigt, dann kann man auch sagen, dass Christoph Voll das Ideal an der Realität bricht. Da sieht man die Spannung, die in dem für die Ausstellung ausgewählten Werkkonvolut steckt.

T.C.: Ja, so kann man der figurativen Skulptur in der heutigen Zeit begegnen. Wir sehen dann in ihr den Versuch, uns zu verführen, sei es mit Schönheit oder Weisheit; den Versuch, uns zurückzuversetzen in das ästhetische Idealbild der klassischen Bildhauerei. Und wir lassen uns mal von Rodin, mal von Voll in eine andere Richtung ziehen. Das ist es, was die Figur bewirken kann. Mich hat an der Bildhauerei immer interessiert, was ich mit Material erreichen kann und wie; welche Emotionen, welche Ideen ich habe, wenn ich mit Material arbeite. Das scheint weit weg zu sein von den figurativen Skulpturen, die wir hier für diese Ausstellung ausgesucht haben. Im Kern aber geht es um nichts anderes. Es geht im Wesentlichen darum, wie man auf Material reagiert. In einer sehr abstrakten Art und Weise erfahren wir als Babys unsere Umgebung durch die Wärme, durch die haptischen Erlebnisse mit unseren Eltern, den Dingen und so weiter. Aber das hört nie auf. Und immer sind wir umgeben von Menschen. Das, was uns formt und bildet, ist einfach unsere Begegnung mit Menschen.

 

Das vollständige Gespräch lesen Sie im Katalog zur Ausstellung,
erschienen im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, 29 Euro.

Textredaktion: Maximilian Brücher, Skulpturenpark Waldfrieden

Foto: Günter Lintl

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