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Pierre Bonnard, Das Esszimmer – Die weiße Tischdecke, 1925, Von der Heydt-Museum Wuppertal

Pierre Bonnard, Das Esszimmer – Die weiße Tischdecke, 1925

31. JANUAR 2022 | AKTUELLES
ROLAND MÖNIG – DIREKTOR

An der Pariser Académie Julien freundete sich der Maler Pierre Bonnard (1867-1947) mit Paul Sérusier, Maurice Denis und Jean Edouard Vuillard an. 1888 gründete Sérusier die Künstlergruppe „Nabis“ (hebräisch: Propheten). Auch Bonnard trat der Gruppe bei. Sie bewunderten die Malerei Paul Gauguins, waren aber vor allem von japanischen Farbholzschnitten stark beeinflusst. Charakteristisch für ihre Malerei war die Überwindung der Perspektive, die begrenzte Flächenform sowie die Verwendung reiner Farben.

Ende der 1890er Jahre zog sich Bonnard allerdings von den Nabis zurück. Es entstanden lichtdurchflutete Landschaften und immer wieder intime Interieurs wie dieses hier. Seit etwa 1899 traten zudem die Darstellung von Tischen, ihrer Perspektive und Komposition sowie der auf ihnen ausgebreiteten Speisen verstärkt in den Fokus von Bonnards Interesse. Auffällig ist das Spiel mit den Kontrasten. „Das eigentliche Sujet ist die Oberfläche, sie hat ihre Farbe, ihre Gesetze, jenseits der Objekte”, notierte der französische Künstler einmal.
In diesem späten Interieur von 1925 erscheint der gedeckte Tisch wie ein Bild im Bild. Die korrekte Perspektive wird missachtet, die Darstellung setzt auf eine betonte Aufsicht und die Effekte der Flächigkeit. Man kann in das Innenleben jeder Schale und jeden Tellers schauen. Maßgeblich geprägt wird die Komposition durch das weiße Tischtuch, das nahezu das gesamte Bildfeld wie eine große Leinwand ausfüllt. Die Gegenstände auf dem Tisch, der Brotkorb, die Obstschale und die Glaskaraffe, werden zu Boten der häuslichen Welt. Eine gedachte Diagonale von der linken oberen zur rechten unteren Ecke des Bildes trennt warme und vom Licht umspielte von verschatteten kühlen Farben.

Neben Vuillard, Vallotton und später Matisse war auch Bonnard ein Meister des modernen Interieurs. Vorherrschendes Motiv seiner Innenräume waren Tischszenen. Zumeist handelte es sich um Esstische, die zur Mahlzeit vorbereitet werden oder das Dessert darbieten. Seine gedeckten Tische erfuhren im Laufe seines Schaffens einen bemerkenswerten Wandel. Während der Essplatz anfangs den Raum definiert und einen Ort für Porträts von Bonnards Familie bietet, drängte er die Figuren später an den Rand und marginalisierte sie damit auch im übertragenen Sinn. Die beiden Frauen auf unserem Bild wirken merkwürdig weit voneinander entfernt.

1925, als Bonnard „Das Esszimmer“ malte, heiratete er seine langjährige Geliebte Marthe und beendete seine Affäre mit der jüngeren Renée Monchaty. Beide Frauen sind auf dem Bild zu sehen: Renée schaut den Betrachter an, Marthe deckt den Tisch. Kurz nach der Hochzeit nahm sich Renée das Leben. Weiß man um diese Ereignisse, liest man das Bild ganz anders, erspürt man in ihm Melancholie und Wehmut. Hinter der scheinbar so banalen Szene sind seelische Abgründe verborgen.

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