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Porträts als Spiegel von Gesellschaften

Dr. Anna Storm

Ein Interview mit Dr. Anna Storm

26. August 2022 |
Marion Meyer – Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

„Fremde sind wir uns selbst“ nennt sich eine neue Ausstellung mit Bildnissen von Paula Modersohn-Becker bis Zanele Muholi. Warum Porträts heute noch so faszinieren und was sich seit Social Media dadurch geändert hat, erklärt Kuratorin Dr. Anna Storm im Interview.

Wie kam die Idee zu der Ausstellung?

Das Von der Heydt-Museum hat Anfang 2021 sechs Fotografien von Zanele Muholi als Dauerleihgabe erhalten, Selbstporträts, die zwischen 2007 und 2017 entstanden sind. Mich haben die Fotos auf den ersten Blick fasziniert, sie sind von einer solchen Direktheit und Kühne, wahnsinnig modern und reflektiert und von enormer Symbolkraft. Sofort war klar, dass die Fotos nicht lange im Depot lagern, sondern in einer Ausstellung präsentiert werden sollten. Und aus den sechs Werken hat sich schnell das Thema Porträt/Selbstporträt und dann – mit Rückgriff auf die vielseitige Sammlung des Hauses – eine ganze Präsentation entwickelt.

Früher diente das Porträt häufig der Repräsentation. Inwiefern spiegelten sich schon seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert bzw. in der Frühen Neuzeit gesellschaftliche Zusammenhänge?

Der Bildtypus des Porträts entwickelte sich seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert, in einer Zeit, in der sich Menschen selbst immer stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit rückten. Dabei ist es allerdings ein Irrglaube, wie der Kunsthistoriker Hans Belting plausibel dargelegt hat, dass das Porträt eine Erfindung der bürgerlichen Kultur wäre – die Geschichte des Porträts hat lange vorher begonnen und einmal der Selbstbehauptung in einer anderen Gesellschaft gedient. Im Porträt wurde, so Belting, die Emanzipation des Subjekts in Zeiten höfischer Herrschaft und kirchlicher Vormundschaft demonstriert. Gerade in der frühen Neuzeit bilden sich die Konflikte des Individuums mit der Gesellschaft im Porträt deutlicher ab als in anderen Zeiten.

In früheren Zeiten entstanden Porträts häufig als Auftragsarbeiten. Dann war die Intention des Bildes meist klar definiert, es sollte repräsentieren, also die Person und ihren gesellschaftlichen Status oder ihre Herkunft angemessen verbildlichen. Hier traten nun auch unterschiedliche Formen von Inszenierung auf. Einerseits durch gestalterische Elemente, wie dem Bildausschnitt, der Perspektive oder der Gesamtkomposition. Andererseits durch Objekte und Attribute, die zur Charakterisierung der Person beitragen sollten.

Welche Bedeutung hat das (Selbst-)Porträt in der Bildenden Kunst, und wann wurde es besonders populär?

Selbstbildnisse gibt es schon sehr lange, vermutlich seit der Antike. Mit der Renaissance werden das Porträt und auch das Selbstporträt als Gattung bedeutender, Künstler (und wenige Künstlerinnen) traten selbstbewusster auf und stellten sich selbst dar – man denke zum Beispiel an Rembrandt. Hier treten nun auch vermehrt die so genannten Künstlerporträts auf, also Selbstbildnisse, die die Künstlerinnen und Künstler in ihrer Profession, zum Beispiel mit Pinsel und Palette zeigten. Die Entwicklung des (Selbst-)Porträts geht in dieser Zeit mit der sich behauptenden Vorstellung von Individualität einher, also der Vorstellung, dass Personen einmalige und selbstbestimmte Individuen sind. Das Porträt wurde nun zum Inbegriff der Darstellung eines humanistischen Selbst. Im 19. Jahrhundert wird das Konzept des Porträts in Frage gestellt, die Auffassung, dass Porträt und Porträtierte*r eine Einheit bilden, geriet ins Wanken, auch durch die Entwicklung der Fotografie.

Inwiefern hat das Aufkommen der Fotografie das malerische (Selbst-)Porträt verändert?

In der traditionellen Bildniskunst gab es historisch betrachten zwei entscheidende Aspekte: Ähnlichkeit und Charakter. Das Porträt sollte die dargestellte Person wirklichkeitsnah wiedergeben und ihren Charakter einfangen. Damit galt die Porträtistin oder der Porträtist lange als bloße/bloßer Handwerker*in, denn Ziel war die größtmögliche mimetische Nähe. Dieser Naturnachahmung wurde die schöpferische, also kreative Leistung, weitestgehend abgesprochen. Mit dem Aufkommen der Fotografie im 19. Jahrhundert wurde die Malerei nun von der geforderten Wirklichkeitsnähe entbunden, denn die Fotografie galt als „objektives“ Medium, das besonders geeignet wäre, um wirklichkeitsgetreue Bilder zu produzieren. Die Entbindung von der Naturnachahmung war für die Malerei tatsächlich von Vorteil, nur so konnte sich das Porträt im Folgenden zu einem autonomen Kunstwerk entwickeln.

Was fasziniert so an Porträts?

Sie sind nicht nur Spiegel von Menschen, sondern auch von Gesellschaften. Und dabei geht es weniger um die Wirklichkeit, sondern um gewachsene Vorstellungen, Stereotype und Konstruktionen. In den Gender Studies beispielsweise wird die gesellschaftliche Konstruktion von Geschlechtlichkeit (im Vergleich zum biologischen Geschlecht) untersucht. Diesen Aspekt kann man auch in Porträts nachvollziehen. Bilder von Frauen sind anders – besonders historisch – gestaltet als von Männern. Männer wurden traditionell repräsentativ dargestellt, im öffentlichen Bereich und charakterisiert durch ihre professionelle Qualifikation, Frauen hingegen im privaten Raum bei häuslichen Tätigkeiten. Darüber hinaus zeigt die Mehrzahl der Porträts, die sich heute in westlichen bzw. europäischen Museen befinden, europäische „weiße“ Menschen. Wer wird also wann wie abgebildet bzw. zum Bildmotiv erhoben und wer nicht? Insofern vereinen sich im Porträt gesellschaftliche, soziale, politische, kulturelle und geschlechtsspezifische Fragen, deren Beantwortung nicht immer bequem ist und zum Nachdenken anregt.

Der Ausstellungstitel ist einem Buch entlehnt. Welche Rolle spielt dieses für die Ausstellung und wie lässt sich der Titel „Fremde sind wir uns selbst“ dabei verstehen?

Der Titel der Ausstellung ist Julia Kristevas gleichnamigem Buch aus dem Jahr 1990 entliehen, das um die Spannung zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung kreist. Im selben Maße, so Kristevas zentrale These, in dem wir einander fremd sind und uns gegenseitig beargwöhnen, sind wir auch uns selbst fremd – und bleiben es. Und gerade dies erkennt die Philosophin als Schlüssel im Umgang mit dem Anderssein. Denn wenn das Fremde als Eigenes wahrgenommen wird, hebt sich auch der Gegensatz von fremd und eigen auf und die beiden Kategorien verschmelzen. Gesellschaftspolitisch ist dies tatsächlich doch mehr als wünschenswert.

In der Gattung des Porträts lassen sich die Unterschiede von Fremd- und Selbstwahrnehmung gut beobachten. Natürlich besonders gut im Vergleich von Selbstporträts und Porträts. Also wie stellt sich eine Person selber dar und wie wird eine Person durch eine andere dargestellt? Also der Blick von außen, der fremde Blick, und der eigene Blick auf sich selbst. Interessant ist aber auch, wie gesellschaftliche, soziale, kulturelle und geschlechtsspezifische Aspekte die Darstellung von Menschen beeinflussen und wie diese Darstellung mit dem eigenen Wahrnehmen korreliert.

Im Volksmund gelten die Augen als Spiegel zur Seele, welche Rolle spielt der Blick bei Porträts?

Der Blick ist ein Mittel zur Kommunikation. Wenn die im Gemälde oder der Fotografie dargestellte Person direkt aus dem Bild so zu sagen zu den Betrachtenden blickt, entsteht eine Beziehung bzw. die Betrachtenden werden direkt angesprochen. Sie werden als Gegenüber wahrgenommen, ja sogar adressiert. Der direkte Blick kann als Aufforderung („sieh hin“) verstanden oder im Sinne einer Komplizenschaft gedeutet werden. Auch lässt er ein Gefühl von Nähe entstehen. Schauen dargestellte Figuren hingegen auf etwas Anderes, was den Betrachtenden wiederum verborgen bleibt, ist dies eine Form von Distanzierung. Die dargestellte Welt ist eine geschlossene, die durch die Betrachtenden von außen betrachtet, aber nicht nachvollzogen werden kann. Insofern spielt der Blick bzw. die Blickrichtung eine entscheidende Rolle.

Social Media lebt von der Selbstdarstellung – bekommt das (Selbst-)Porträt in heutigen Zeiten eine andere Bedeutung?

Das (Selbst-)Porträt ist heute allgegenwärtig. Manch einer mag behaupten, wir lebten in einer Selfie-Epoche. Durch das Smartphone und Social Media wird jede*r zum/zur Fotograf*in und zugleich zum/zur Dargestellten. Dabei ist die Inszenierung ein wesentlicher Punkt, denn, wer ein Selfie macht, macht sich selbst zum Bild. Das Bild wird dabei zur Kommunikationsform, es ersetzt den Statusbericht, wie Wolfgang Ullrich herausgestellt hat. Kritisch könnte man die so genannte Selfie-Epoche als narzisstisches Zeitalter hinterfragen, oder auch – in Hinblick auf die Inszenierung – von einem Authentizitätsverlust sprechen. Ich finde aber viel spannender, wie sich, selbst in Social Media, gesellschaftliche und soziale Codes in Porträts und Selfies einschreiben und diese Bilder prägen.

Wie ist das Konzept der Ausstellung?

Das Konzept der Ausstellung ist, anhand unterschiedlicher Medien – Gemälde, Grafik und Fotografie – unterschiedliche Formen von Repräsentation und (Selbst-)Darstellungen zu zeigen. Die frühsten Werke sind aus dem 19. Jahrhundert und die aktuellsten von 2017. Anhand der unterschiedlichen Werke zeigt sich die Bandbreite menschlicher Darstellung, aber eben auch Formen der (Selbst-)Inszenierung, die zuweilen durch Stereotype und Konventionen geprägt sind. Hier spielen auch die Begriffe Gender, Class und Race eine Rolle.

Die Ausstellung gliedert sich in fünf Themenbereiche, von Repräsentation und Präsenz, über die Bedeutung des Körpers, das Thema der inneren Versunkenheit und Intimität. Die Selbstporträts von Zanele Muholi spielen bei all diesen Aspekten eine zentrale Rolle, sie bilden sozusagen den Kern der Ausstellung und treten in Dialog mit den Kinderbildnissen von Paula Modersohn-Becker, einem Selbstbildnis von Francis Bacon, Fotografien von Wols, Grafiken von Miriam Cahn und vielen weiteren Positionen.

Zanele Muholi ist in der Ausstellung ganz zentral. Was ist das Besondere an den Selbstbildern von Muholi?

Zanele Muholi (geb. 1972 in Umlazi, Südafrika), die sich als non-binäre Person versteht, porträtiert sich und diskriminierte Minderheiten seit über 15 Jahren. Im Besonderen fotografiert Muholi schwarze, lesbische Frauen und versteht dies als Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins der LGTQIA+-Community in Afrika. Muholi bezeichnet sich selbst als „visual activist“. Südafrika war das erste Land, das die Rechte von homosexuellen Menschen 1996 in seiner Post-Apartheid-Verfassung festschrieb und die gleichgeschlechtliche Ehe bereits 2006 legalisierte. Dennoch sind Attacken und homophobe Hassverbrechen immer noch allgegenwärtig.

Einige der Selbstporträts in der Ausstellung stammen aus der Serie „Somnyama Ngonyama“ (seit 2012), zu Deutsch: Heil der dunklen Löwin. Muholi macht darin den eigenen Körper zur Projektionsfläche und befragt zugleich die Geschichte der (Schwarz-Weiß-)Fotografie. Denn diese privilegiert traditionell hellhäutige Menschen, während People of Color in ihr in den Hintergrund treten. Auch auf einer symbolischen Ebene verweist Muholi auf stereotype rassistische Momente oder die Geschichte der Apartheid, etwa, wenn Muholi Objekte aus dem Haushalt (Schwämme, Bürsten etc.) in die Bilder integriert, zum Beispiel als Haarschmuck. Dies lässt sich als Verweis auf die lange Tradition schwarzer Hausangestellter interpretieren. Muholis Selbstbildnisse sind fein komponiert, sehr klug arrangiert und auf vielen Ebenen tiefsinnig. Sie führen Klischees gekonnt vor Augen und stellen Vorurteile zur Diskussion. Diese im Dialog mit der Porträtsammlung des Von der Heydt-Museums zu betrachten, bringt ganz neue Anknüpfungspunkte und Themenfelder zum Vorschein.

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