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Malerei und Fotografie im Dialog

Anna Baumberger

Ein Interview mit Anna Baumberger

29. September 2022 |
Marion Meyer – Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Provenienzforscherin und Kuratorin Anna Baumberger erläutert, wie sie die Ausstellung „Eine neue Kunst. Fotografie und Impressionismus“ konzipiert hat und wie sich die Künstler der Zeit gegenseitig inspirierten.

Warum ist es so spannend, Fotografie und Malerei des 19. Jahrhunderts miteinander zu vergleichen?

Mit der Erfindung der Daguerreotypie im Jahr 1839 trat die Fotografie unmittelbar in Konkurrenz zu den klassischen künstlerischen Gattungen. Insbesondere die Malerei sah sich mit einem neuen Medium konfrontiert, das ganz andere Möglichkeiten der Bildgebung hatte. Gleichzeitig wurde der Fotografie lange Zeit die Anerkennung als künstlerische Technik verwehrt. Tatsächlich befanden sich Malerei und Fotografie in einem regen und sehr produktiven Austausch und auch Wettstreit, der jede Gattung für sich zu neuen Ausdrucksformen brachte. Die Betrachtung der unterschiedlichen oder vergleichbaren entstandenen Kunstwerke lässt uns heute die Verflechtung von Malerei und Fotografie und ihre Entwicklung verstehen. Und wir erkennen, dass die künstlerischen Innovationen unmittelbar durch das konkurrierende Medium beeinflusst worden ist.

Was waren die Lieblingsmotive, die sich Maler und Fotografen teilten?

Es ist ganz erstaunlich wie viele motivische Überschneidungen sich in Malerei und Fotografie finden. Es gibt tatsächlich einige ikonische Motive, die als „typisch“ impressionistisch im kollektiven Bildgedächtnis gespeichert sind. Ich denke hier an die markante Steilküste von Étretat in der Normandie, an Meereslandschaften und Sonnenuntergänge, Seerosen und Heuschober in unterschiedlichen Lichtsituationen und zu verschiedenen Jahreszeiten. Und immer wieder wird die Metropole Paris als Motor der Moderne ins Bild bzw. Licht gerückt. Besonders spannend wird es, wenn die Malerei selbst Thema von Fotografie wird. In der Ausstellung sind einige Beispiele davon zu sehen: Der Maler malt das Motiv und wird zugleich zum Motiv des Fotografen, der seinen Künstlerkollegen mit den technischen Möglichkeiten einer besonders malerischen Fotografie ablichtet.

Was haben impressionistische Malerei und Fotografie gemeinsam und worin unterscheiden sich die beiden Ansätze?

Die Maler:innen des 19. Jahrhunderts sahen sich einerseits in einer konkurrierenden Auseinandersetzung mit der Fotografie, waren sie doch was die exakte Wiedergabe der Realität und die Reproduzierbarkeit ihrer Kunst angeht unterlegen. Andererseits hatten sie nicht zuletzt durch die in diese Zeit fallende Erfindung der Tubenfarbe die Möglichkeit viel leichter unter freiem Himmel, also direkt vor dem Motiv zu arbeiten. Auch die Fotograf:innen arbeiteten direkt vor dem Motiv, hatten aber zunächst mit aufwändigen technischen Geräten noch beschwerliche Arbeitsbedingungen. Die Maler:innen des Impressionismus schufen Werke, die eine stimmungsvolle Momentaufnahme zeigen. Auch Fotograf:innen konnten flüchtige Momentaufnahmen im Bild festhalten, jedoch war die Wirkung gänzlich unterschiedlich: malerisch und in Farbflecken fragmentiert auf der einen, die Realität gestochen scharf abbildend, Unschärfen höchstens durch die Belichtungsdauer technisch bedingt auf der anderen Seite. Im Zuge des Emanzipationsprozesses der Fotografie als künstlerische Technik wurde mit gezielten Unschärfen, nachträglichen Übermalungen oder Ritzungen oder der Wahl eines besonderen Bildträgers wie stark gekörntes Papier die Handlung der fotografierenden Person als künstlerischer Akt sichtbar und schließlich auch anerkannt.

Wie war das Verhältnis im 19. Jahrhundert zwischen den Malern und den Fotografen, einer damals sehr jungen Kunst?

Wenn wir heute von der Konkurrenz von Fotografie und Malerei sprechen oder gar einen „Wettstreit der Künste“ erzählen, so ist diese Sicht doch recht einseitig. Einige haben vielleicht Karikaturen der Zeit vor Augen, die den Aufstieg der Fotografie mit dem Fall der Malerei in die Bedeutungslosigkeit in Verbindung bringen oder die Fotografie als keine ebenbürtige Kunst darstellen. Es ist aber so, dass sowohl Maler:innen als auch Fotograf:innen vielfach einen aktiven gattungsübergreifenden Dialog verfolgten. Maler:innen sammelten Fotografien und bedienten sich mitunter für ihre Malerei aus diesem Bildspeicher, Fotograf:innen umgaben sich in ihren Ateliers mit Malerei. Oder man arbeitete sogar gemeinsam vor demselben Motiv. Viele Fotograf:innen – ein prominentes Beispiel ist Gustave Le Gray – hatten eine klassische Malereiausbildung genossen, bevor sie sich der Fotografie widmeten.

Wie ist diese „Konkurrenz“ heute zu bewerten? Gibt es sie noch?

Sicher müssen wir heute nicht mehr davon ausgehen, dass der Wert von künstlerischer Fotografie in Frage gestellt wird. Gleichzeitig ist der Dialog der Techniken, wie ich es nennen würde, über die Jahrzehnte und bis heute weitergeführt worden. Man kann diesen Dialog auch als Reflexion der eigenen Technik beschreiben, wenn Maler:innen Fotografien verarbeiten, als Vorlagen benutzen oder fotorealistisch arbeiten. Ebenso nutzen Fotograf:innen durch Unschärfen oder andere technische Eingriffe malerische Mittel und ermutigen uns als Betrachtende dazu, den Herstellungsprozess eines Kunstwerks zu reflektieren.

Wie wichtig war die Erfindung der Farbfotografie für diese teils konkurrierenden Medien?

Die Fotografie strebte schon früh nach Farbe, die technische Entwicklung führte aber zunächst zu leistungsfähigeren und praktikableren Kameras. Fotografien wurden in der Regel nachträglich und per Hand koloriert. Mit der Entwicklung des Autochromverfahrens durch Auguste und Louis Lumière im Jahr 1907 war ein Meilenstein erreicht. Das Verfahren ermöglichte farbige Lichtbilder auf Glasplatten und erfreute sich beim Publikum sehr großer Beliebtheit. Die Glasplatten produzierten zwar farbige Bilder, boten aber wenige Möglichkeiten der nachträglichen künstlerischen Bearbeitung. Während die Farbfotografie aus unserer Gegenwart nicht mehr wegzudenken ist, blieben insbesondere die Piktorialisten ihren aufwändigen Edeldruckverfahren treu. Der Amateurfotograf und Kunstsammler Antonin Personnaz ging einen anderen Weg und stellte eine Vielzahl von Autochromen her, die typische Motive impressionistischer Malerei zeigen. Personnaz ließ diese Aufnahmen gemäldegleich vergrößert in Ausstellungshallen projizieren und trat damit in den offensiven Dialog mit der Malerei.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Museum Barberini und wie unterscheidet sich die Ausstellung in Wuppertal von der in Potsdam?

Das Museum Barberini in Potsdam beheimatet eine der größten Gemäldesammlungen von Impressionisten außerhalb von Frankreich und ist hier als Spezialmuseum zu sehen. Das Von der Heydt-Museum besitzt ebenso einen reichen Bestand an impressionistischen Kunstwerken, bildet über seine Sammlung die Geschichte der Kunst aber über viele Epochen ab; ein Schwerpunkt ist die Entwicklung der Malerei im 19. und 20. Jahrhundert. Beide Museen können ihre eigene Sammlung durch den Dialog mit den Fotografien besser kennenlernen und den Besucher:innen vermitteln. Gleichzeitig war von Beginn an klar, dass die eigene Sammlung jeweils einen anderen Blick auf die Leihgaben werfen würde. Auf diese Weise brachte die Zusammenarbeit in einem gemeinsamen Projekt zwei Ausstellungen hervor, die im Kern kongruente Inhalte transportieren, was durch den gemeinsamen Katalog sichtbar wird, und gleichzeitig eigene Akzente setzen.

Wie ist die Ausstellung aufgebaut?

Die Ausstellung führt die Besucher:innen durch die Geschichte der Fotografie von ihren Anfängen bis in die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts und zeigt ihre Entwicklung von einem bildgebenden technischen Verfahren zu einer künstlerischen Gattung, die in einem steten Austausch mit der Malerei ist. Wir präsentieren etwa 100 Fotografien von renommierten Leihgebern und ausgewählte Gemälde aus der Sammlung des Museums. Die Ausstellungskapitel leiten nach einem Prolog zum Dialog zwischen der Freiluftmalerei der Schule von Barbizon und frühen Fotografien motivisch von der majestätischen Weite des Meeres, zur Metropole Paris, dem Zentrum der Moderne. Das Spiel und die Kompositionsmöglichkeiten mit Licht und Schatten wird mit Waldbildern erlebbar und alltägliche Motive des ländlichen Lebens runden die Motivpalette ab. Die Piktorialisten perfektionierten die fotografische Technik durch ihre malerischen Lichtbilder. Ihnen ist ein weiteres Ausstellungsthema gewidmet. Schließlich zeigt die Ausstellung noch die besonderen Präsentationsformen von Autochromen, den frühesten Farbfotografien, die sich beim damaligen Publikum einer großen Beliebtheit erfreuten. Last but not least ergänzen wir die Sonderausstellung um eine konzentrierte Sammlungspräsentation von impressionistischen und verwandten Kunstwerken im Bürgersaal und laden die Besucher:innen unter dem Titel „Ein neuer Blick“ ein, die bekannten Werke des Von der Heydt-Museums wieder und neu zu sehen.

Gab es für Sie persönlich Überraschendes bei der Erforschung dieses Themas?

Als Provenienzforscherin interessiere ich mich berufsbedingt besonders für die Geschichte der Objekte und alle ihr Stationen bis die Kunstwerke schließlich in ein Museum oder eine andere Sammlung gelangen. Mich hat überrascht, dass das Sammeln von Fotografien durch Museen häufig erst recht spät professionalisiert worden ist. Während gerade das Städtische Museum in Elberfeld, das heutige Von der Heydt-Museum bereits sehr früh zentrale impressionistische Gemälde erworben hat – z. B. gelangte das wundervolle Gemälde „Vétheuil“ von Claude Monet bereits 1910 und damit wenige Jahre nach seiner Entstehung in die Sammlung – wurde das Sammeln von Fotografien des 19. Jahrhunderts kaum verfolgt. Umso schöner ist es, die Gemälde des Museums nun im Dialog mit hochkarätigen Leihgaben aus Fotografischen Sammlungen sehen zu können.

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