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Gemälde sind Zeitzeugen

Dr. Anna Storm

Ein Interview mit Dr. Anna Storm

22. Oktober 2021 |

„Goldene Zeiten“: Das Von der Heydt-Museum zeigt seine Sammlung der Niederländer und erzählt dazu auch die Geschichte(n) hinter den Werken und wie sie ins Museum kamen. Im Interview berichtet Kuratorin Anna Storm, wie sie die Ausstellung vorbereitet und warum die Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts für die Wuppertaler Sammlung besonders wichtig war.

Wie kam es zu der Idee für diese Ausstellung?

Storm: Das Von der Heydt-Museum verfügt ja über eine reiche und sehr vielseitige Sammlung, die neben moderner Kunst auch viele niederländischer Gemälde aus dem 16. und 17. Jahrhundert umfasst. In vergangenen Zeiten, zum Beispiel in den Nachkriegsjahren, waren die Niederländer fast immer im Haus präsent. Nun war die Sammlung über längere Zeit nicht mehr in seinem ganzen Umfang zu sehen. Also haben wir schon 2019 in der Interimsphase unter der Leitung von Frau Dr. Birthälmer überlegt, die Niederländer in einer neuen Präsentation wieder zu zeigen. Dabei werfen wir einen neuen, frischen Blick auf die Bilder und rücken die hinter den Werken verborgenen Geschichten ins Licht.

Haben Sie sich zuvor schon mit den Niederländern in der Sammlung beschäftigt?

Storm: Im Rahmen der Ausstellung zu Peter Schenck, einem Wuppertaler Grafiker des 17. Jahrhunderts, habe ich mich 2019 schon mit der niederländischen Sammlung des Hauses beschäftigt. In der Ausstellung haben wir auch einige ausgewählte Gemälde anderer Künstler der Zeit präsentiert und so versucht, die Epoche des 17. Jahrhunderts hinsichtlich der Produktion von Malerei und Druckgrafik abzubilden.

Was ist das Besondere an dieser Epoche? Wie kamen Sie auf den Ausstellungstitel?

Storm: Die Niederlande waren im 17. Jahrhundert eine Großmacht, Welthandel und Schifffahrt führten zu hohem Wohlstand, der sich auch auf Kunst und Kultur auswirkte. Selten hat die Malerei eine vergleichbare Blüte erlebt wie in den Niederlanden im ausgehenden 16. und 17. Jahrhundert – der Epoche, die als das „Goldene Zeitalter“ bekannt ist. Der Begriff ist heute allerdings nicht mehr unumstritten, denn mit der Assoziierung, dass alles in dieser Zeit goldig-glänzend war, werden beispielsweise Ausbeutungsverhältnis nicht mit reflektiert. In unserer Ausstellung soll es dezidiert um die Sammlungsgeschichte dieses Konvoluts gehen. Mit „Goldene Zeiten“ meinen wir die goldenen Zeiten im Wupper-Tal des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, wo es durch den Aufbau der Textilindustrie zu Wohlstand und vor allem zum Aufbau privater Sammlungen kam. Diese bilden letztlich die Basis der heutigen Sammlung niederländischer Malerei im Von der Heydt-Museum. Der Ausstellungstitel ist insofern doppeldeutig: Er verweist auf die kunsthistorische Epoche, aber auch auf die spezifischen Umstände und Gegebenheiten in Wuppertal und die Entstehung der niederländischen Sammlung.

Wie sind die Werke in die Sammlung des Von der Heydt-Museums gekommen?

Storm: Den Anfang der Niederländer-Sammlung in Wuppertal machte August von der Heydt. Der Bankier, einer der wichtigsten Förderer des Museums, schenkte dem Museum, das 1901 gerade gegründet wurde, das Gemälde „Südliche Landschaft“ von Jacques d’Arthois. Weitere Schenkungen kamen in den Jahren darauf durch engagierte Wuppertaler Familien wie Bayer, Noetzlin, Frowein, Küpper, Baum, Hülsenbusch, Schmits, Wichelhaus, Lohe und Schniewind dazu. Schenkungen von Augusts Sohn Eduard von der Heydt 1956, 1957, 1958 und 1964, als er starb, aus seinem Vermächtnis, vergrößerten die Sammlung noch einmal beachtlich. Eine ganze Sammlung kostbarer Grafiken von hochrangigen Künstlerinnen und Künstlern gelangte 2011 dank einer Schenkung von Ruth und Dr. Wolfgang Heinrich Lohmann aus Wuppertal ins Museum. Darunter auch eine Reihe niederländischer Grafiken aus dem 17. Jahrhundert, die wir nun in der Ausstellung zeigen. Privates Engagement war also immer besonders wichtig.

Warum haben die Mäzene Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts gerade die Niederländer gesammelt?

Storm: Bei einem eher konservativen, wohlhabenden Bürgertum waren niederländische Gemälde im 19. Jahrhundert sehr beliebt, anders als die moderne Kunst, die erst nach und nach salonfähig wurde. Interessanterweise haben einige wenige Sammler, wie auch August von der Heydt, sowohl niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts als auch die neue, moderne Kunst sehr geschätzt und gezielt gesammelt. Darüber hinaus gab es in keiner Epoche eine so hohe künstlerische Produktion wie in den Niederlanden in dieser Zeit. Das heißt, der Markt für niederländische Malerei bzw. das Angebot waren sehr groß, was sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert im Preis und im Kaufverhalten ausdrückte.

Wie viele Werke besitzt das Von der Heydt-Museum aus dieser Zeit?

Die Sammlung der Niederländer besteht heute aus etwa 60 Gemälden, unter ihnen so bedeutende Namen wie Aelbert Cuyp, Jan van Goyen, Joos de Momper, Pieter Neefs d. Ä., Salomon van Ruysdael, Herman III Saftleven oder Frans Snyders. Daneben besitzt das Von der Heydt-Museum auch eine umfangreiche grafische Sammlung, mit Blättern von beispielsweise Hendrik Goltzius, Nicolaes Berchem, Cornelius Dusart und Rembrandt. Für mich als Kuratorin eine Fundgrube!

Sie wollen die Geschichten hinter den Bildern zeigen, das hört sich spannend an. Welche Geschichten wären das denn etwa?

Storm: Die Gemälde und Grafiken sind über 400 Jahre alt, das heißt sie haben viel erlebt. Denn in der Regel gab es nicht nur einen Vorbesitzer oder eine Vorbesitzerin, bevor sie zu uns ins Haus kamen, sondern eine ganze Reihe. Die Werke hingen also sehr wahrscheinlich in diversen Wohnzimmern und vielleicht sogar in unterschiedlichen Ländern. Wir wollen rekonstruieren, soweit es uns gelingt, über welche Station die Werke zu uns gekommen sind. Gibt es ein konkretes Beispiel? Das Gemälde von Aelbert Cuyp zum Beispiel, das Titelmotiv der Ausstellung, war früher einmal in englischem Privatbesitz und kam dann über eine Galerie in Frankreich nach Wuppertal.

Fragen der Provenienzforschung, also Fragen nach der Herkunft; sollen auch eine Rolle spielen. Sind die denn bei diesen Bildern aufgearbeitet? Wo kommen die Bilder her?

Storm: Mit Fragen zu Besitzverhältnissen gehen natürlich immer Fragen der Provenienzforschung einher – ein Forschungsfeld, das enorme Wichtigkeit hat, und das wir in der Ausstellung auch sichtbar machen wollen. Ich konnte gemeinsam mit meiner Kollegin Anna Baumberger, die bei uns seit vergangenem Sommer für Provenienzforschung zuständig ist, einen Erst-Check aller Gemälde vornehmen. Das bedeutet nicht, dass die Provenienzforschung zu allen Gemälden abgeschlossen ist, denn das ist ein sehr langer und zum Teil schwieriger Prozess. Wir verfügen aber zu jedem Gemälde über die Informationen zu den Erwerbungshintergründen und zu den direkten Vorbesitzern.

Gab es bei Ihrer Recherche schon überraschende Einsichten und Erkenntnisse?

Storm: Absolut. Die ausführliche Betrachtung der Rückseiten der Werke war schon eine sehr spannende Angelegenheit, wo wir vieles entdecken konnten. Stempel, Siegel oder handschriftliche Vermerke helfen uns, die Stationen der Vorbesitzer zu rekonstruieren. Und auch bei der Recherche in alten Archivalien, etwa im Stadtarchiv, konnte ich sehr interessante Einsichten erlangen, wie beispielsweise Korrespondenzen mit Galerien oder Händlern, Rechnungen oder Angebote. Dabei sind mir Knotenpunkte aufgefallen, wo vieles zusammenläuft, zum Beispiel eine Pariser Galerie, über die diverse Ankäufe abgewickelt wurden.

Was schätzen Sie persönlich an diesen Werken?

Storm: Diese Frage hätte ich vor einem Jahr noch anders beantwortet (lacht). Da hätte ich zum Beispiel das reiche Motivspektrum des Konvoluts, das sich von Landschaften über Genrebildern bis zu Stillleben erstreckt, benannt, oder auch die hohe malerische Qualität der Werke betont. Heute, nachdem ich verstärkt zu den Erwerbungshintergründen recherchiert habe, muss ich meine Antwort erweitern. Gemälde sind im doppeltem Sinne Zeitzeugen: Sie erzählen uns auf der einen Seite etwas über ihre Entstehungszeit, zum Beispiel über das Leben damals – wenn auch nicht jede Darstellung eine realistische Lebensbeschreibung ist. Auf der anderen Seite erzählt ihre Provenienz eine Geschichte über die Vorbesitzer, zeichnet geografische Wege oder gibt Auskunft über materiale Wertigkeiten und Möglichkeiten in der Vergangenheit. Ich schätze also – neben der Betrachtung dieser wunderbaren Werke – ihr dahinterliegendes erzählerisches Potential und hoffe, dass die Besucherinnen und Besucher genauso viel Freude haben werden, dieses zu entdecken, wie ich.

11.3.2021-10.4.2022

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