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Edgar Degas, Bildnis einer jungen Frau, um 1886

24. November 2022 | Aktuelles
Roland Mönig – Direktor

Edgar Degas (1834-1917), der bürgerlich eigentlich Hilaire Germain Edgar de Gas hieß, schätzte Motive des Pariser Stadtlebens. Mit ihnen beschäftigte er sich seit den 1870er Jahren. Nachdem er nur kurz die École des Beaux Art in Paris besucht hatte, erklärte er seine Studienzeit frühzeitig als beendet und führte seine Studien auf eigene Weise weiter. Um sich zu schulen, zeichnete er in den Pariser Museen nach den Originalen. Über Edouard Manet, den er beim Kopieren im Louvre kennen gelernt hatte, kam er in Kontakt mit anderen Künstlern und Schriftstellern der Zeit.

In den Künstlerkreisen, die sich zunächst im Pariser Café de Bade, ab 1866 dann im Café de Guerbois am Montmartre trafen, begegnete Degas auch Fatin-Latour, Renoir, Bazille, Guys, Cézanne, Sisley, Monet und Pissarro: jenen Malern, die sich bald zur Gruppe der Impressionisten zusammenschließen sollten. Man diskutierte über Ideen einer modernen Kunst, die sich, wie Baudelaire forderte, zeitgemäßen Themen zuwenden und die Poesie des Pariser Alltagslebens entdecken sollte. Für Degas als Künstler, der es vorzog, im Atelier zu arbeiten, und sich als Stadtmensch verstand, blieb der Mensch das Hauptthema.

Neben Bürgerinnen und Bürgern ganz allgemein stellte er insbesondere Tänzerinnen der Pariser Oper und Wäscherinnen dar. Für den Kunstkritiker und Schriftsteller Edmond de Goncourt waren gerade sie diejenigen, „die einem modernen Künstler die malerischsten Modelle heutiger Weiblichkeit bieten“. Beschreibungen dieser Berufe verband er mit Anspielungen auf die Prostitution. Bei Degas fehlen solche anzüglichen Hinweise. Er vermittelte in seinen Alltagsschilderungen ein Gefühl für die flüchtige Stimmung des Augenblicks.

In dieser mit Pastellkreiden gezeichneten Papierarbeit ist eine junge Frau als Halbfigur wiedergegeben. Hinter ihr erkennt man eine weitere, teils von ihr verdeckte, weibliche Figur in Rückenansicht, die sich vorzubeugen scheint. Ihre Bewegung allerdings ist nur angedeutet. Das Blatt ist durch eine große Lockerheit des Strichs charakterisiert, der manches im Vagen lässt, aber gerade darum viel zu sehen gibt. Die farbigen Akzente sind großzügig und zugleich nuanciert gesetzt: helles Blau hinterfängt zur Rechten die Halbfigur im Vordergrund, weiße Schraffuren links treiben die Person hinter ihr ins Profil. Deren Haare wiederum leuchten in kräftigem Rotbraun.

Was wie eine spontane Momentaufnahme wirkt, ist präzise kalkuliert und setzt langjährige zeichnerische Übung voraus. Der Raum des Geschehens bleibt unbestimmt – vielleicht als Ausdruck einer existenziellen Unsicherheit. Nicht selten inszeniert Degas ganz bewusst den Zufall in seinen Bildern und gibt durch kleine Verzerrungen, eine zufällige Geste oder eine ungelenke Haltung Hinweise auf die psychische Befindlichkeit eines Menschen in einem bestimmten Augenblick.

Das anrührende Blatt ist zurzeit in der Ausstellung „Fremde sind wir uns selbst: Bildnisse von Paula Modersohn-Becker bis Zanele Muholi“ zu sehen. Mit ihrem in sich gekehrten Blick fügt die junge Dame von Degas sich perfekt in den Saal, der „Innere Versunkenheit“ übertitelt ist. Desillusioniert, vielleicht sogar melancholisch scheint sie über etwas nachzusinnen. Was das wohl sein mag, ist das Rätsel, das Degas uns mit seinem Bild aufgibt.

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